Die spätromanische Kirche St. Dionysius in Belm

Südansicht

Gotisches
Fenster
Dem mittelalterlichen Christen ging es beim Kirchenbau nicht um "Architektur". Man wollte vielmehr die Hinwendung zum Schöpfer, indem im Kirchenbau ein Abbild der Schöpfung und des göttlichen Jerusalem versucht wurde. Die Theologie der Bauzeit des 13. Jahrhunderts wies immer wieder auf das Buch der Weisheit Salomonis hin, wonach der Schöpfer alles "nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet" hat. Diese Faktoren sind die Ordnungsgrundlagen auch von St. Dionysius. Dabei kam den Zahlen allgemein wie in der mittelalterlichen Theologie eine besondere Bedeutung zu.

Wer die Belmer Kirche anschaut bemerkt sofort, dass die Zahl Drei von hervorragender Bedeutung beim Kirchenbau gewesen ist: Auf beiden Langhausseiten finden wir je drei Fenster, und selbst das wenig später eingefügte bzw. ausgetauschte gotische Fenster ist dreistrahlig.

Kleeblätter
am Hauptportal
Am Hauptportal finden wir beim Betreten des Gotteshauses die Form eines dreistrahligen Kleeblattes. Das Kircheninnere war in drei Joche (das ist der Raum zwischen vier Säulen) unterteilt, wobei eines davon heute Empore mit Orgel beherbergt.

Die Zahl Drei spiegelt in einfacher und vollkommener Weise das Geheimnis der Dreifaltigkeit wieder. Der aus einem einzigen Stengel wachsende Klee ist hierfür ein besonders lehrreiches Symbol. Derartige Symbole birgt die gesamte mittelalterliche Kirchenarchitektur. St. Dionysius ist voll solcher beispielhafter Zeichen und Zahlen.
Entstehungszeit, Lage und Patronat

NW-Ansicht
Der Kirchenbau entstand in seinem heutigen Erscheinungsbild vermutlich zu gleicher Zeit wie der Osnabrücker Dom in der heute sichtbaren Form, also in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Das Mißverhältnis zwischen Höhe des Turmes einerseits und Länge des Langhauses andererseits deuten auf einen Vorgängerbau hin. Das zeigt auch die zwischen den Kirchenteilen bestehende Baufuge. Jedoch ist das Ausgraben eines Vorgängerbaues nicht dokumentiert. Jedenfalls wird die Belmer Kirche schon in einem Verzeichnis aus dem Jahre 1150 als eine im Bistum Osnabrück gelegene Kirche genannt, über welche das Kloster Corvey das Patronatsrecht hatte.

Das mit der Missionierung der Sachsen vom Kaiser betraute Kloster Corvey hat unter dem Schutz der Nachkommen Karls des Großen ausgedehnten Zehntenbesitz im Bistum Osnabrück erhalten (Meppen 834 und Visbeck 855) und (möglicherweis in diesem Zusammenhang) die Missionskirche in Belm erbaut. Sie war eine Eigenkirche des Abtes von Corvey. Da zu dieser ersten Belmer Kirche nur der dem Osnabrücker Bischof abgetrotzte Grund gehört haben dürfte, wird man vorhanden gewesene Fundamente der Belmer Missionskirche auf dem heute noch geringen Kirchengrund suchen müssen.

Nach neueren Forschungsergebnissen (Lömker-Schlögell) zeigt die Lage der Kirche auf einer Anhöhe zwischen zwei Bachläufen mit Wirtschaftshof alle Elemente einer im Mittelalter befestigten Anlage auf.

Das Patronat des Dionysius leitet sich nicht von dem schon in der Apostelgeschichte (17,34) erwähnten von Paulus bekehrten und getauften ersten Bischof von Athen mit dem Namen Dionysius ab, sondern vielmehr von dem Märtyrer und Bischof von Paris, der der Legende nach sein abgeschlagenes Haupt vom Richtplatz Montmartre aus an den Ort trug, an welchem er begraben sein wollte: St. Denis (=Dionysius). Das Patrozinium weist auf eine alte Gründung hin.
Die Kirche von außen betrachtet

SW-Ansicht
Wahrscheinlich ist der Turm der Belmer Kirche älter als das heutige Schiff und bildete gewissermaßen mit seinen Schießscharten den Bergfried einer Kirchenburg. Die drei bekannten Schießscharten sind heute leider zugemauert. Eine liegt an der Südseite und ist durch einen senkrecht eingesetzten langen Stein evtl. noch zu erahnen.

Um 1230 wurde das Langhaus als glänzendes Spätwerk romanischer Kunst erbaut. Unter der Kirche liegen die Fundamente der vorherigen, etwa 150 m zum Meyerhof hin jene der ersten Kirche. Der Bau bietet sich nicht nur wuchtig und würdig in der Gesamtwirkung, sondern auch köstlich erlesen in seinen Einzelteilen, wie z.B. in den Kleeblattbögen der südlichen Haupttür.


Portal

Wetzrillen
Bei den Restaurierungsarbeiten im Jahre 1980 wurden die Wetzrillen am Portal der Südseite zum Teil wieder freigelegt. Zum Zeichen des Friedens wurden die Schwerter am Eingang zum Gotteshaus entschärft. Ebenfalls sind einige Näpfchen vorhanden, die vielleicht der Verwitterung ihre Entstehung verdanken. Ebenso können sie von Menschenhand ausgekratzt und der Steinstaub als Medikament gegen Seuchen dem Viehfutter beigemischt worden sein. Glaube, Aberglaube und Unglaube liegen oft dicht beieinander.

Maßwerk-
fenster

Hausgen.-Tür

Bemerkenswert ist der Ostgiebel der Kirche mit seinem Fachwerk aus den Jahren um 1506 (Ergebnis einer Untersuchung des Labors für Dendrochronologie der Universität Köln) und dem frühgotischen Maßwerkfenster, das anstelle des früheren einfachen romanischen Fensters in vier runden Bildern die Verkündigung, die Geburt Jesu, die Himmelfahrt und den thronenden Gottessohn darstellt.

Ebenfalls auf der Südseite befindet sich ein vermauertes Nebenportal, die sog. Hausgenossentür. Ihre karge bauliche Ausschmückung charakterisierte sie im Verhältnis zum "Kleeblattportal" als Nebeneingang. Dennoch weist sie durch baulich unnötige Maßnahmen - zwei Dreiecke über der Hausgenossentür - auf das Thema der Kirche, die Dreifaltigkeit, abermals hin.

Wer war ein Hausgenosse? Nach dem von Jacob Grimm überlieferten Recht der Belmer Hausgenossen waren dies die in Belm auf dem Grund und Boden "mines gnedigen fürsten und herrn" wirtschaftenden Bauern. Neben belastenden und (weiteren) günstigen Folgen dieser Eigenschaften hatten die Hausgenossen feste Plätze im vorderen Bereich der Kirche in der Nähe des Allerheiligsten und nahe der Geistlichkeit. Mit den Bauernreformen des 19. Jahrhunderts erhielten die Bauern das bewirtschaftete Land zu eigen, also anstelle des bischöflichen Lehens als Eigentum. Damit hatte die Hausgenossentür ihre Berechtigung verloren, sie wurde vermauert.
Der Kirchen-Innenraum

Innenraum der Kirche

Taufbrunnen
Der Taufbrunnen rechts im Altarraum nimmt das Hauptthema der Kirche, das Lob der Dreifaltigkeit, erneut auf. Vater, Sohn und Heiliger Geist werden - real oder symbolhaft - dargestellt. Dabei tritt zudem die Gottesmutter in den Mittelpunkt des Geschehens.

Lassen Sie uns den Taufstein zunächst von außen betrachten und dabei erneut Zahlen einbeziehen. Der kreisförmige Grundriß wurde in der Theologie des Mittelalters als eine unendliche Linie aufgefaßt und entsprechend gedeutet. Wenn Sie den Taufstein ein erstes Mal umgehen, zählen Sie bei einem Umgang acht gleiche Teile. Auch die Zahl Acht symbolisiert die Ewigkeit, sie setzt sich aus sechs Schöpfungstagen, einem Ruhetag und dem Ewigkkeitstag zusammen. Grundriß und Raumaufteilung rücken den Taufbrunnen also an die Ewigkeit heran, welche die Getauften erwerben.

Gehen Sie erneut im Gegenuhrzeigersinn um den Taufbrunnen und beginnen Sie vorn mit dem Verkündigungsengel. Beachten Sie seine besonders feine Ausarbeitung (z.B. Haare und Hände). Danach sehen wir zum ersten Mal die andächtige und in sich gekehrte Gottesmutter. Auch sie erscheint von engelgleicher Schönheit.

Danach werden zwei Nischen zu einem einzigen Geschehen zusammengefaßt. Es geht um die Ausstattung der Maria mit dem Schutzmantel durch Gottvater. Die Gottesmutter tritt an die Stelle der Säule, über welcher der Heilige Geist in der Form einer Taube schwebt.

Detail: Engel

Detail: Maria
Ein Engel hilft bei der Erhöhung von Jesu Mutter. Zeugen des Himmlischen Vorgangs sind in den folgenden Nischen abgebildet: die Apostelfürsten Petrus und Paulus. Die siebte Nische ist erneut der Gottesmutter vorbehalten, dargestellt als Himmelskönigin. Die letzte Nische zeigt den Osnabrücker Bischof als den Stifter der Belmer Kirche. Sein Bischofsstab ist an der Abbruchstelle erkennbar, das Kirchenmodell ist stark verwittert. Von der Belmer Dreifaltigkeit fehlt uns noch der Sohn. Wir erkennen ihn symbolhaft in dem Weinstock, welcher den gesamten Taufstein überzieht. In seinem Letzten Abendmahl sagt er uns, dass das Blut der Weintraube, der Wein, zu seinem eigenen Blut und zum Symbol für die Erlösung des Menschen wird. "Ich bin der Weinstock, Ihr seid die Reben."

In Wahrheit haben wir es bei dem Belmer Taufstein zugleich mit einem Dreifaltigkeitsstein und mit einem Marienbrunnen zu tun. Für die Jungfräulichkeit der Gottesmutter steht symbolhaft u.a. das zwischen ihr und dem Verkündigungsengel in den Weinranken nistende Geierpaar, welches nach alten Vorstellungen ohne Einwirkung von Samen seine Jungen erbrütet. Die Abbildung der Maria als schöne Frau folgt den höfischen Vorstellungen der Zeit. Die Vorgänge und die Anwesenheit der Apostel folgen den Darstellungen der sog. "Legenda aurea" des Jacobus de Voragine.


Sakramentshaus
Kredenz

Auferstehungsbild
Das Sakramentshaus an der Stirnseite des Altarraumes links entstand ebenfalls beim Bau des Chorraumes, wurde aber nach Aufstellung eines Hochaltares, der einen Tabernakel enthielt, nicht mehr genutzt und um 1900 zugemauert. In den sechziger Jahre wurde das Sakramentshaus wiederentdeckt und restauriert. Die Kredenz besteht aus romanisch profilierten Sandsteinplatten eines früheren Altars.
Bei Renovierungsarbeiten im Jahre 1977 wurde auf zwei Brettern, die als Schmutzfang unter der Kanzeltreppe angebracht waren, Teile eines Gemäldes entdeckt. Die Fragmente des mittelalterlichen Bildes wurden restauriert, im mittleren Teil rekonstruiert u. mit Reliquien der hl. Ursula versehen.

Kanzel
Die frühbarocke Kanzel (1643) mit ihrer mehreckigen Grundform zeigt Darstellungen von 3 Evangelisten und, in der Mitte, Christus als guten Hirten. Auf dem Schalldeckel steht eine Figur aus dem 18. Jahrhundert. Sie stellt vermutlich den hl. Nepomuk dar.

Die ehemals an der Außenseite der Kirche angebrachte Sandstein-Votivtafel wurde, um sie vor weiterem Verfall zu bewahren, in das Innere verbracht. Das etwa um 1500 entstandene Relief stellt in sechs Feldern vorwiegend die Leidensgeschichte Christi dar: im oberen Teil die Kreuztragung, die Kreuzigung, die Beweinung durch Maria, und im unteren Teil Büßer im Fegefeuer, die Auferstehung Christi und eine knieende Person mit Schild, vermutlich der Stifter der Votivtafel mit dem Apostel Petrus und dem hl. Matthias mit Beil. Am unteren Rand sind Reste einer niederdeutschen Inschrift zu erkennen. "Och bidded vor uns och och ... leve is barmherticher... leve is rechtmediched... so en konne gi bidden noch gheven".



St. Andreas

St. Wiho
Von den großen Skulpturen an den Wänden sollen drei vorgestellt werden. An der Kanzelseite befinden sich Darstellungen der Heiligen Andreas und Wiho. Die beiden Plastiken aus Eichenholz werden der Werkstatt des Meisters von Osnabrück zugeschrieben, möglicherweise der des Snetlagemeisters. Sie sind um 1520 entstanden und gehören, wie auch eine Marienfigur, die sich heute im Landesmuseum Hannover befindet, zu einem Altar. Es wurde eine neue Marienfigur angeschafft, die sich heute vorne rechts befindet. An der Stirnseite, unter der Empore, ist der hl. Dionysius, der Namenspatron der Kirche dargestellt.

Die Schlusssteine der romanischen Rundbögen sind mit einigen rätselhaften Fabeltieren und Köpfen besetzt. Als Bildnisse des Mittelalters könnten sie sowohl Spott als auch Abwehr des Bösen symbolisieren. Dargestellt sind ein bartloser, junger Mann in gebückter Haltung, eine zweibeinige, langschwänzige Gestalt mit Rückenmähne und einem menschlichen Kopf, der einen Zipfelhut (Semitenhütchen) trägt. Daneben befindet sich eine Gestalt mit gekreuzten Beinen, mit Krallen an den Händen und Füßen, aufgerissenem Mund und drohendem Blick.

Am mittleren Schlussstein ist ein geflügelter Drachen oder Hund dargestellt, der den Kopf zwischen die Vorderbeine gelegt hat und in die Tiefe blickt. An den Schlusssteinen des Gewölbes sind die Gesichter eines älteren Mannes mit Bart und einer jüngeren Person zu sehen, die vielleicht die Baumeister der Kirche oder Widukind und Geva darstellen.



Empore
An der Empore aus dem 17. Jahrhundert befinden sich Darstellungen der 14 Propheten des Alten Testamentes. Die Bildnisse sind mit Namen versehen, die sowohl die katholischen als auch die evangelischen Bezeichnungen tragen. Sie sind ein Hinweis darauf, dass die Kirche zeitweise von beiden Konfessionen genutzt wurde.

Von den vier Glocken der Kirche stammt die älteste, die sog. Marienglocke, aus dem Jahr 1678. Sie trägt eine Inschrift und den Namen der Stifter. Die übrigen Glocken sind aus dem Jahre 1958.

Die ausgetretene Stufe an der Eingangstür des Turmes zeugt davon, dass St. Dionysius nicht nur ein kunsthistorisches Denkmal ist, sondern über Jahrhunderte für die Menschen in Belm Zuflucht, Geborgenheit in Gott und ein Haus des Betens war.
Im Rahmen umfangreicher Renovierungen der Kirche anlässlich ihrer 750-Jahr-Feier wurde durch den Künstler und Architekten Paul Brandenburg eine Neugestaltung des Innenraumes vorgenommen. Die neue farbige Fassung des Raumes orientiert sich an ähnlichen alten romanischen Farbgebungen. Die Ausgestaltung der Kirche mit neuem Altar, Kreuz, Ambo und Kreuzweg stellt eine Einheit mit den vielen Kunstwerken vergangener Epochen dar.



Die auf dieser Seite wiedergegebenen kleinen Fotos können Sie auf der zugehörigen Fotoseite in größerer Form betrachten. Noch besser: kommen Sie einfach mal in die Kirche und sehen Sie selbst...

Quellen:
Heimatjahrbuch "Osnabrücker Land" 1982 u. 2001 (Gerd-Ulrich Pietsch)
Festschrift 750 Jahre - St. Dionysius Beim
Heimatbuch Belm 1980 (Isetraud Lindemann)

Text der Seite:
Mit Genehmigung des Gemeindeausschusses des PGR einem von diesem Ausschuss in Zusammenarbeit mit Dr. Sprang, Annemarie Hüdepohl und Wilm Rüters erstellten und in der Kirche ausliegenden Flyer entnommen, für die Internetpräsentation leicht bearbeitet und um Fotos ergänzt von Ulrich Tönnies.

Dem Belmer Kesselhaken Nr. 4 (Juli 2004) entnommen sind zwei weitere Texte zur Kirche St. Dionysius. Beide werden mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers des "Belmer Kesselhakens" wiedergegeben. Es handelt sich dabei zum Teil um obigen Text wiederholende, teils aber auch um ihn ergänzende Informationen. Bei Interesse finden Sie die Texte über folgende Links:
Bemerkungen zu bedeutsamen Formen an und in der Belmer Kirche St. Dionysius
Mitteilungen zur sog. "Hausgenossentür" an der Kirche St. Dionysius in Belm